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um 1957 rum . . . .

Aus der Jugendzeit geschwatzt, denn heute ist alles anders.

 

Es muss so Ende der fünfziger Jahre gewesen sein, als mein Onkel Paul, aus Berlin (West), mal mit mir, da war ich nicht mal 10 Jahre alt, über die Rolle der Frauen im Männerleben sprach. Er gab mir den guten Rat alle meine Energie in schulische Leistungen zu investieren und die Rummacherei mit den Mädels nicht als das Wichtigste in meiner Jugend zu sehen. Er meinte, dass ein guter Beruf zunächst viel wichtiger ist und wenn man richtig gutes Geld verdient, dann kommt der Erfolg bei den Mädels von ganz alleine. Bin mir heute sicher, er hat da selber früher mal was falsch gemacht. Ich glaubte zu verstehen, ließ aber zu jeder Zeit nie Etwas anbrennen.

 Er lebte in einer kleinen Parterrewohnung im zweiten Hinterhaus in der Herrmannstraße in Neukölln. Die Miete betrug damals 60, später 100 DM für ein Zimmer, mit Küche und Toilette. Vor dem Küchenfenster und Stubenfenster war noch ein ganz kleiner Garten (ca. 10m lang, mindestens 3m breit) mit viel Blumen. Dahinter stand eine höchstens 2m hohe Ziegelmauer vom angrenzenden Friedhof. Durch die Fenster konnte ich Flugzeuge im Landeanflug zum Flughafen Berlin Tempelhof sehen und hören. Als ein recht Großgewachsener Junge wirkte ich wesendlich älter, war aber ein typisches, langsam denkendes Landei,  mit den Stadtjungen überhaupt nicht vergleichbar, denn die führten ganz andere Worte im Munde. Drohten immer gleich mit Prügel, trugen Blue Jeans, lasen Micky Mouse, Fix und Foxi, Prinz Eisenherz, Pete, Karl und Liesel, kleiner Adler, uam. Und straften mich mit Verachtung. Heute weiß ich, dass sie mir viel mehr Beachtung schenkten, als ich vermutete. Wenn man mir solche gelesenen, zerfledderte Comics großzügig überließ, dann zeigte ich dafür extra wenig Interesse, damit die nicht glaubten, ich wäre scharf auf so etwas. Dafür hatte ich wieder von anderen Dingen Ahnung.

Mein Onkel Paul war Invalidenrentner, weil er in der Firma, sicher um seine Kollegen und den Chef zu beeindrucken, versucht hatte einen schweren Holzmast ganz alleine auf zu stellen. Bei dieser außergewöhnlichen Kraftanstrengung ist ihm dann im Kopf eine Ader geplatzt, was ihm um ein Haar das Leben gekostet hätte. Mit reichlich Übergewicht ausgestattet, lebte er wie ein Junggeselle, recht frohgemut, in seiner kleinen Wohnung und arbeitete fortan in der Werkzeugausgabe der Firma, allerdings nur stundenweise. Er war im Großen und Ganzen eigentlich ein zufriedener Mensch, der sich täglich mit ein par Flaschen Bier und hin und wieder einem Dornkaat, den Tag verschönte. Was ihn für mich auszeichnete, war sein echt freundliches Wesen, seine unendliche Phantasie und seine gesellige Beredsamkeit. Es war stets Vorsicht geboten, weil er bei jeder sich bietenden Gelegenheit anfing furchtbar zu flunkern. Er freute sich dann diebisch, wenn er aus einer kleinen Begebenheit eine gewaltige Geschichte machen konnte, wobei er durch satte Übertreibung dann eine faustdicke Lüge produzierte. Die Zeitung aufschlug und behauptete, dass es hier drin steht, - ach nein in der Zeitung von Gestern. Er steigerte das immer weiter, bis man langsam stutzig wurde und seine Zweifel äußerte, die er dann stets, aufs tiefste beleidigt abwehrte. Zugeben dass es die Unwahrheit ist, das kam überhaupt nicht in Frage, aber ein verschmitztes Lachen klärte alles auf. Um es mal ganz brutal zu sagen, - er hatte was am Kopf.

   So saß ich als kleiner Junge, aus der sowjetischen Besatzungszone, in seiner Stube und hörte immer neue phantastischere Geschichten vom Onkel Paul, weil ja sonst keiner mehr da war. Jung an Jahren, mit dem Personaldokument, der aus einem Pionierausweis bestand, fuhr ich oft allein, mit einer Rückfahrkarte kreuz und quer über die Sektorengrenzen, vor allem nach West-Berlin. Besuchte Kinos, wo die Karten nur 1:1 in Ost kosteten für Filme wie z.B. "12 Uhr Mittags". Hatte ich wenig bis fast kein Geld, dann wartete ich die Vorprogramme (so ca. 15 Min.) ab und ging dann erst zur Kasse und wurde nicht selten umsonst reingeschoben, von der Ordnerin, die immer hinter der letzten Reihe, nahe am Ausgang stand und am Ende, wenn der Vorhang zu ging und das Licht langsam heller gemacht wurde, die ganzen Türen öffnete. So ging dann ein kleiner Garry Cooper, mit angespannter Muskulatur, hartem Blick zur S-Bahn und fuhr nach Hause, wo es nicht selten ein Donnerwetter setzte, weil ich mich wieder den ganzen "rumgetrieben" hatte. Zu oft konnte ich das nicht machen. Besser war es im nahen Wald auf krüpplig gewachsene Bäume zu klettern, oder in den ehemaligen Schützengräben Höhlen zu bauen. Da hörte man sogar manchmal, wenn Mutter ärgerlich nach dem  Nichtsnutz rief, weil Schularbeiten zu kontrollieren waren, oder ein par häusliche Arbeiten verteilt, oder negativ bewertet werden mussten. Wenn mal alles im Argen lag, dann ging ich auf unseren kleinen Heuboden, wo es ein Versteck gab. Ein kleiner Raum zwischen Dachunterkante und Hühnerstall, wo 1945 meine Eltern ein par Sachen vor den Russen versteckt hatten. Mit einem Kabel hatte ich Strom herbei gezaubert für eine kleine Lampe, für den schwarzen, hohen Volksempfänger aus Bakelit, der leise dudelte. In diesem Versteck löste ich mehrere Mauersteine für ein ganz geheimes Versteck im Versteck. Leider gab es kaum etwas, was sich lohnte zu verbergen. Also wurden dort die Hefte und Bilder von nackigen Frauen deponiert. Meine Eltern wussten, wo ich war und es setzte was, wenn nachts, der Lichtschein durch die Bretterritzen gespenstische Streifen an die mit Ziegeln geschlossene Decke warf. Dann musste ganz schnell alles abgebaut werden, aber nach einer Woche hatte ich den alten Komfort wieder hergestellt.

Was mir großen Kummer bereitete, war, zu jener Zeit die Kleidung für den Schulbesuch. Aber auch das hat sich dann später entspannt, normalisiert. Als ich dann in den Sommerferien arbeiten gehen durfte, kaufte ich mir selber meine Blue Jeans, später Levis. Der Schwindelkurs war manchmal 7:1 und am günstigsten 4:1. Eine Wechselstube habe ich nicht benutzt, sondern merkte mir den Kurs und benutzte einen Kiosk, oder kaufte direkt beim winzigen Geschäft am Potsdamer Platz ein. Der Inhaber war ein Jude und der konnte es nicht ertragen, wenn morgens der erste Kunde (ich) ohne etwas zu kaufen aus dem Laden geht. Das habe ich aber schon mal an anderer Stelle beschrieben. Ganz so clever war ich bei weiten nicht immer. Allerdings wurde ich höchstens ein par Male betrogen. Dann vermied ich solche unvorteilhaften Sachen. Mit dem Mauerbau hatte sich dann so wie so alles erledigt.

Nun ist die Mauer weg und der Beschiss geht weiter, - nur mit dem Unterschied, dass es keine feste, verlässliche Größe, keine DDR mehr gibt, auf die man sich zurückziehen kann.

Autor: hladam -- 19.8.2009 21:51:30

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