Kühe hüten, - hüte dich davor.
Gerade die einfachsten Tätigkeiten können die größten Sorgen bereiten.
Kühe hüten ist nicht so einfach, wie es aussieht.
Das sind wahre Worte gelassen ausgesprochen. Diese Ruhe kann einem vergehen, wenn man auf einmal solch drängende Frage beantworten soll. Wo sind unsere Kühe?
So hatte ich es mir nicht vorgestellt, als ich bei angeheirateten Verwandte im Kaukasus Urlaub gemacht hatte. Obwohl es eine Stadt geworden ist, hatte die ehemalige Siedlung der Kosaken immer noch gleich hinter dem Stadtkern, einen dörflichen Charakter. Im Zentrum der Park, umgeben von den Häusern der staatlichen Institutionen, wie Partei, Miliz, Krankenhaus, Postamt, Basar, Busbahnhof, gab es noch zwei Hauptstraßen, die fast parallel zueinander verlaufen. Das übrige Straßennetz lag dazwischen und ringsum, bestand nur aus Schotter, mit einer zu dünnen Bitumenschicht, so dass es jedes Frühjahr riesige Schlaglöcher gab. Zwischen dem Lenindenkmal im Park und der Bahnstation lagen 5 km. Vom Namensschild der einen Seite bis zum Friedhofsfeld am anderen Ende, waren es gut 10 km. Beleuchtet waren nur, das Stadtzentrum, die beiden Hauptstraßen und die Straßen, wo die Buslinie Nr.2, kreisförmig, verkehrte. Obwohl die kleineren Gassen nur noch mit Steinen aus dem Flussbett befestigt waren, fuhren durch sie auch noch schwere Laster, wenn der Kraftfahrer dort seinen Wohnsitz hatte. Gefolgt von einer riesigen Staubwolke fuhren alle immer sehr schnell, wobei die Dreckfahne, die Staubschicht das Gras, die Büsche in ein tristes grau verwandelten. Die Eile war eigentlich unnötig, man hätte auch langsam durch die schmalen Seitenstraßen fahren können, dann währen auch die meist älteren Leute, welche oft auf Bänken vor dem Haus sitzend Neuigkeiten mit dem Nachbarn austauschend, nicht durch den Staub belästigt worden, aber es schien auch so niemanden ernsthaft zu stören und hatte offensichtlich etwas mit Männlichkeit zu tun. Nach einem Regen standen überall größere Pfützen, dieser hochschlagenden Bugwelle konnten Fußgänger nur entgehen, wenn sie rechtzeitig durch Matsch und Dreck sich von der Straße entfernten und in Nähe der Gartenzäune weiter gingen. Weil die dort gewachsenen Büsche zumeist nass waren, gelang es eigentlich nie, in sauberen und ordentlichen Sonntagsanzug zum Basar und zurück zu Fuß zu kommen. Deshalb nahmen wir immer das Auto und ersparten uns diesen Kummer.
Die meisten Familien in unserer Straße hatten eine Milchkuh. Mindestens 30 Stück wurden täglich auf die Wiesen am Fluss Bjelaja gebracht, wo jeden Tag ein anderer Kuhbesitzer das liebe Vieh bis gegen Abend, so um 17:00 Uhr beaufsichtigte. Der Platz war groß, die Tiere trotteten ganz langsam umher und fraßen sich satt. Vereinzelt melkte ein Besitzer gegen Mittag seine Tiere. Das Hüten dieser Herde war eine sehr ruhige Beschäftigung. Ähnlich wie die Kühe, vertrieb sich der Cowboy mit Dösen, Essen und Trinken die Zeit. Gemächlich wechselten die Tiere ihren Standort, rupften und zupften Grünes, gaben ein, bis zwei mal in der Stunde Laut, ließen es plätschern, oder produzierten grünliche Fladen. Nicht nur in der Farbe des Fells, auch im Körperbau, sowie im Alter und Charakter, unterschieden sich die Tiere. Schwiegermutter ihre Kuh war schwarz und weiß gescheckt, ganz friedlich und wurde stets mit etwas besonderem Zusatz im Fressen verwöhnt. Sie war immer sauber, wurde gestriegelt und abgebürstet, das Euter mit Fett eingerieben, vor dem Melken und wirkte gepflegt. Wurde am Mittag die Hitze zu groß, suchten sich die Tiere selber Schatten im Gebüsch. Für mich war erstaunlich, die Tiere kannten den Weg nach Hause, so dass sie sich allein, wenn die Zeit ran war, auf den Weg machten. Da ich nützlich sein wollte, übernahm ich eines Tages die Aufsicht. Zwei bis drei Rindviecher waren etwas unruhig, aber der Rest der Herde, leicht zu handhaben. In den Nachmittagsstunden wuchs allgemein die Unruhe und gegen 16:00 Uhr hatten die Viecher scheinbar genug von mir und wollten nach Hause. Es dauerte nicht lange und sie waren in alle Himmelsrichtungen losgezogen, also trottete ich mit unserer Kuh auch in Richtung Heimat. Dort wunderte man sich, dass wir schon so früh zurück waren. Ich legte mich, nach einer Tasse Tee und einem kurzen Gespräch mit Schwiegermutter auf die Liege in der Wohnstube und guckte Fernsehen, bis ich einschlief. Laute Stimmen weckten mich nach kurzer Zeit auf. Ich hörte immer wieder die Frage, wo die Kühe geblieben sind? Meine Verwandtschaft war schon fast vollzählig anwesend und verhinderte, dass die Leute mir nahe kommen konnten. Ich erzählte ihnen noch mal ganz kurz, wie es war und eine Bestandsaufnahme ergab, dass sieben Kühe fehlten. Ich erführ, dass die drei Unruhestifter den Weg nach Hause gar nicht kannten und offenbar hatten sich noch vier Tiere dazu gesellt und alle waren mit unbekanntem Ziel verschwunden. Ich sah das nicht so tragisch, denn so eine kleine Herde muss sich doch anfinden. Mein Optimismus wurde schnell durch ungeheure Geschichten gedämpft. Abgesehen von möglichem Diebstahl, soll mal ein Tier mehr zufällig 30 km weiter gefunden worden sein. Ich rechnete das Tier mal 700 Rubel, das machte 4900, rund 5000 Rubel Verlust, bzw. Schadensersatz. Umgerechnet mal 3,2 in DDR-Mark 15000,-DM, also eine Riesige Summe, die nur zu umgehen war, wenn wir die Viecher wieder finden. Wolodja tankte seinen Lada voll und wir schwärmten aus. Gegen 21:00 Uhr fanden wir die Herde. Nach Auskunft der Leute, waren wir eigentlich immer in verkehrte Richtungen geschickt worden. In Wirklichkeit sind die Rinder mit einbrechender Dunkelheit immer in Richtung der beleuchteten Straßen gewandert. Sie standen dann im Zentrum, im Park, fraßen die Blumen und hatten alle Wege mit Kuhfladen belegt. Von dort wurden sie dann von den Besitzern, mit großer Erleichterung und Freude nach Hause getrieben. Ich glaube, ich brauche nicht extra erwähnen, dass ich nie wieder Kühe hüten brauchte.
Autor: hladam -- 1.3.2006 17:19:55
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