Spezielle Seiten

LindeboxLindebox

Suche

Suche

Hauptinhalt

Drushba-Trasse

Die "Drushba -Trasse", so wie ich sie erlebte.

(1976 und so weiter, nur, was mich angeht....)
Es gibt keinen besonderen Grund für meine Zeilen, nur dass es schade wäre, wenn die offizielle Darstellung des kommunistischen Jugendverbandes der einzige Beleg bleiben würde, für eine Sache, die in der Geschichte der DDR erwähnenswert sein dürfte.

hl_trasse

http://de.wikipedia.org/wiki/Druschba-Trasse

Es geht um die Erdgastrasse Urengoi bis Bar, ein sozialistisches Integrationsvorhaben der sozialistischen Bruderländer Polen, CSSR, sowie Anschlussmöglichkeiten für andere europäische Länder des NSW (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet). Genaue Einzelheiten kann man auf diversen Internetpräsenzen (die in den letzten Jahren immer mehr werden) nachlesen. Ich beginne einfach und ergänze dann meine Erzählung mit den nötigen Details der Vorgeschichte, um diese Zeit, die heute der Geschichte angehört, auf meine Weise zu beleuchten. In wie weit ich von der Wahrheit abkomme, kann ohnehin nur Jemand begutachten, der selber dort gearbeitet hat. Erinnerungen sind Fakten, die je nach Betrachtungsweise, undeutlich bis glasklar sind. Der Standpunkt, von dem aus man sie betrachtet, lässt die Erinnerungen interessant, wichtig oder unwichtig erscheinen. Sich an etwas zu erinnern birgt immer die Gefahr in sich, nur das Schöne, Angenehme wiedergeben zu wollen und das was schlecht und peinlich war, wird verdrängt, vergessen. Ehrlich sein ist schwer, denn die Angst vor Schadenfreude ist groß. Die Schadenfreude auch eines noch so oberflächlichen Menschen kratzt sehr am Selbstvertrauen. Sich vor anderen zu offenbaren, sich Blößen zu geben, ja vielleicht sogar Anhaltspunkte zu liefern, die gegen einem verwendet werden könnten, grenzt an Dummheit. Ich versuche es trotzdem mal.


Dass ich es mal aufschreiben würde, daran habe ich nie gedacht, als ich mit seltsamen Gefühlen im Flugzeug saß. Es war schon nach 22.00 Uhr. Die Richtung, in die es ging war Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. An die 1OO vorwiegend junge Leute, die wahrscheinlich, genau wie ich, das erste Mal zur Arbeit nach Krementshug, in der UdSSR, unterwegs waren. Fast alle trugen den blauen Anzug, welcher Jeans-Klamotten nachempfunden war, der uns zu 1OO% als "Trassenbauer" identifizierte. Bei der Gelassenheit auf einigen Gesichtern dachte ich mir, das sind schon "alte Hasen", die kennen sich aus. Im Großen und Ganzen herrschte eine ansteckende Ausgelassenheit vor, der auch ich mich nicht entziehen konnte und wollte. Wer weiß schon immer wo es genau hin geht und wie es uns die nächsten drei Monate dort ergehen würde?

Vom Gedanken auf Auslandsmontage zu gehen und der Moment bis es so weit war, hatte in meinem Fall gut ein Jahr gedauert. Jetzt saß ich hier ohne ein mir bekanntes Gesicht und ein paar Zweifel kamen hoch, ob ich das auch "packe?“ Aber ich beruhigte mich schnell. Was hatte ich schon zurückgelassen? Eine gescheiterte Ehe mit zwei Söhnen, meine Eltern, eine Freundin, ein paar Kumpels und ein Land, in dem es viel zu meckern gab. Sicher konnte jetzt alles nur noch besser werden! In einigen Beurteilungen über mich steht "ruhig, zurückhaltend, kameradschaftlich, passt sich gut dem Kollektiv an .......", das bedeutete doch nur, dass ich ein "gutmütiges Schaf" bin. Nicht die Angst, sondern das Ungewisse, kitzelte unaufhörlich im Magen. Dann endlich die Landung in Kiew bei Dunkelheit. Abfertigung mit Reisepass in der Hand, immer schön in der Gruppe bleiben, das Gepäck zurückerhalten und gleich wieder aufpassen wohin es in welchen Koffer-LKW zu geben ist. Bus nach Krementshug, nur nicht drängeln, Listenvergleich, bin ich hier richtig? Alles klar? Dann fahren alle Ikarus-Busse los. Der Tag bricht an, aus dem Grau bekommen die Dörfer schärfere Konturen. Alles so fremd, mein erster Eindruck war etwas deprimierend. Schlechte Straßen, weites Land, wenig Wald, offene Brunnen mit Eimer an einer Kette, oder Eimer an einer langen Stange. Die Frauen, egal wie alt, mit dicken Kopftüchern die Kühe treibend, die mit gleichmütigem Gesichtsausdruck nach uns den Kopf drehten. Wer konnte, machte lustige Bemerkungen, manchmal etwas boshaft und borniert. Es wurde viel gelacht. Der Tag brach an, es wurde alles immer heller und freundlicher. Nach ein paar Stunden Fahrt fuhren wir endlich ins Wohnlager der DDR-Trassenbauer ein. Treffpunkt vorm Essensaal mit Sack und Pack, kurze Begrüßung, Einteilung, Ablaufpläne dargelegt. Ich gehörte zu FGLB (genannt Knallgas), das heißt korrekt Ferngasleitungsbau Engelsdorf (bei Leipzig). Alles klar, welche Baracke? Vielleicht kenne ich dort schon Jemanden?

Rohrtrasse

Essen gehen, Kontakte aufnehmen, unter die Dusche und das Wochenende genießen! Aber die Wohnzellen waren belegt, deshalb rein in einen Wohnwagen. Auf das Leben in einem Wohnwagen war ich nicht gefasst, denn das kannte ich von der Probezeit im Inland. Meine neuen Arbeitskollegen beeindruckten mich durch ihr lässiges Verhalten (heute sagen wir cool dazu) und pausenlose witzige Bemerkungen und die gütige Nachsicht mit dem Neuen. So bekam ich Gelegenheit langsam hineinzuwachsen in die mir total Neue Welt der Trassenbauer. Die Anforderungen an mich stiegen langsam. Feierabend nach 1O Stunden Arbeit war fast jeden Tag für viele gleich. Es wurde "gebechert". Wer viel vertragen konnte der war gut dran. Das Kennenlernen und klönen" beim Wodka (damals kostete der 1/2 Liter nur 4,12 Rubel und 1 Rubel waren 3,2O Mark der DDR) machte mir bald sehr zu schaffen. Warum auch jeden Abend „rumtrieseln“ und am nächsten Morgen statt einen Magen einen Fahrstuhl im Bauch zu haben, begleitet von den hämischen Bemerkungen der „alten Steher“. Deshalb setzte ich mich ab. Wollte die Umgebung die Stadt, die Leute kennen lernen.

Trassenbau

Möglichst mit Gleichgesinnten. Leider waren die neuen Arbeitskollegen vom Suff nicht weg zu kriegen, deshalb machte ich mich zu Fuß auf den Weg in die nahe Stadt Krementshug. Ich erinnere mich noch gut daran. Diese gut drei Kilometer, zuerst durch das Dorf Pishanje mit teilweise unbefestigten Straßen. Die Häuser waren teilweise aus Lehm und die Dächer mit Wellasbest oder Blech gedeckt. Die Wände meist blau, grün, weiß oder gar nicht gestrichen. Ein Bretterzaun mit großem Tor versperrte oft die Sicht auf den Hof und das Nebengelass. Dann die ersten mit Bitumen belegten Straßen. Ich ging immer Richtung Zentrum, vorbei an Betrieben mit Umzäunungen aus Betonteilen, dann gemauerte Wohnblöcke mit 5 Etagen, auch in Plattenbauweise mit Balkone im Eigenbau "abenteuerlich" verkleidet, verglast und auch meist blau oder grün gestrichen.

tausende Naete zu schweissen

An der Hauptverkehrstrasse selten ein Baum. Hin und wieder Büsche hinter dem seitlichen Straßengraben. Die Menschen waren etwas anders bekleidet, mit Fellmütze, grobe Joppe, oder Anorak, leicht nach einem Gemisch aus süßlichem Parfüm (Rosenöl) und Knoblauch duftend. Die Gesichter sahen irgend wie ganz anders aus, als ich gewohnt war. Die Jugendlichen zu 90% Raucher standen zu zweit oder zu dritt herum, oft wild gestikulierend, Sonnenblumenkerne kauend und immer spuckend. Für mich alles wahnsinnig interessant. Ganz kurz beschrieben ist Krementshug eine große hügelige Stadt am Fluss Dnjepr über den eine mehrere Kilometer lange Brücke führt, die auf zweiter Etage auch von Eisenbahnzügen befahren wird.

njeperbruecke

Am Dnjepr mitten in der Stadt befindet sich ein herrlicher Badestrand. Straßen mit sehr viel Auto- und LKW-Verkehr, ein Gewimmel von Leuten am Tage, alles sehr lebendig und laut und durch die mir fremde Sprache und Schrift ungewohnt, aber nicht unsympathisch. Die Läden hießen Magasin und das Kaufhaus Univermag. Alle hatten es eilig ,- nur ich hatte Zeit, betrachtete die Schaufenster, ging auch mal in einige Läden rein. In meinem blauen Anzug als ausländischer Bauarbeiter identifiziert, wurden alle meine Aktivitäten von den Einheimischen interessiert beobachtet. Die Einzigsten, die mich nicht beachteten, dass waren die Verkäuferinnen. Sie waren intensiv im Gespräch mit Kollegen und nahmen nur die Bezahlquittung in Empfang und schoben die Ware über den Ladentisch. (Man musste erst vorher an der Kasse bezahlen.) Ich bemühte mich nicht aufzufallen, fand schnell andere deutsche Bauarbeiter und trottete mit. Wusste schnell Bescheid wo es etwas Besonderes zu kaufen gab. Samowar, Buratino, Kaffeemaschine und Werkzeug waren bevorzugte Artikel die neben Schallplatten von den Rolling Stones, Beatles und Elvis hoch im Kurs standen.

amerikanischer Grabenbagger

Ich erfuhr einige Neuigkeiten, die ich dann auch ausprobierte. Da war der „Stehtanz“ in einer Art Jugendklub. Interessante Mädels, meist jüngerer Bauart standen auf der einen Seite und eine Menge Kerle auf der anderen Seite. Wenn die Musik spielte, dann entstand ein beachtliches Getümmel und die Burschen, die kein Mädel ab bekommen hatten, fingen an mit einander zu tanzen ,- na ja, eigentlich nur „rum zu hampeln“. War die Musik zu Ende ließen sie ihre Tanzpartnerin einfach stehen. Ich sah mir das an und verschwand in Richtung „Schwiegermutter“. Dieses Restaurant hieß eigentlich „OTDYCH“ (Erholung), die Chefin war eifrig, aber lange Zeit vergeblich bemüht, ihre Tochter mit einem Deutschen zu verheiraten. Ich weiß nicht genau, aber irgendwann soll es doch geklappt haben. In dem einzigen Goldladen von Krementschug ist die Rechnung auf jeden Fall auf gegangen. Ich wollte und bekam später einen großen schweren Siegelring, aber nur „unterm Ladentisch“. Immer in Erinnerung bleiben die Sensationen vom Wochenend-Basar, wo es viele mir unbekannte Dinge, wie Früchte aus Grusinien und Armenien gab. Auch alten Trödel, der mit wichtiger Miene angeboten wurde. Zigeuner boten selbst gefertigte Knotenketten an, es lagen alte Naben vom Fahrrad, rostige Nägel und irgendwelche Ersatzteile von Fahrzeugen rum. Man brauchte nicht zu fragen, denn natürlich war das Teil immer von bester Qualität, fast neu und „Defizit“ (Mangelware).

Schliessmechanik

Ich verschaffte mir schnell einen Überblick in der so knappen Freizeit. Die Erzählungen meiner Kameraden blieben spottend über die unverständlichen Dinge im Leben der ukrainischen Bevölkerung. Eine deutsche Buslinie (der Lumpensammler) brachte uns spät abends ins Lager zurück. Ich fand das "auf Entdeckungsreise gehen" besser als sich jeden Abend „die Birne voll zu schütten“ ,- es war ja auch viel billiger. Meine Briefe nach Hause und zu den Freunden in der Heimat handelten fast ausschließlich von meinen Exkursionen. Im Laufe der Jahre änderte sich oft der Arbeitsort. Andere Lager, anderer Komfort, andere Vorgesetzte, innerhalb der Trassenzeit von FGLB zu PKM - Leipzig gewechselt. Die Arbeit war nie sehr kompliziert. Die Zeit, in der ich mit einem Werkstattwagen am Linearen Teil als Schlosser arbeitete, brachte noch viel mehr Eindrücke vom Leben auf dem Lande, in den Dörfern. Der Unterschied zu den Städten für alt und jung war nicht nur durch Äußerlichkeiten sichtbar.

Gruendung fuer Pfeiler

Ich lernte das Land und die Leute kennen. Es gab natürlich auch Dinge, die ich lustig fand, wie die betont nachlässige Freizeitkleidung der Menschen auf den Dörfern, das Baden gehen mit Büstenhalter der Damen um die 50 und das Fegen vor dem Haus mit einem Bündel Reisig. Nach etwa einem halben Jahr machte ich mir schon etwas mehr Gedanken über Lebensgewohnheiten, als der größte Teil meiner Kollegen.

Reiner Schweisst


Auf der Schweißbase in Swetlowodsk als Schweißerhelfer hatte ich Nähte zu verputzen und zu schleifen. Anschlägerarbeiten bei den KOMATSU - Rohrlegekränen, Innenzentrierungsarbeiten bei den Rohren für die Schweißer, - jeder musste auf den Baustellen alles machen. Obwohl ich als Kranführer angeworben wurde, dauerte es fast ein Jahr, bis ich auf einem Kran eingesetzt wurde. Ich nehme an, dass ich immer die in mich gesetzten Erwartungen erfüllt habe. Wenn ich von Erwartungen schreibe, muss ich zugeben, dass ich Einiges nicht so gut geschafft habe. Als Schlosser konnte ich bald feststellen wo meine Grenzen lagen. Habe Kollegen kennen gelernt, von denen ich Vieles lernen konnte. Habe mir einige "Tricks abgelauscht" und wenn die Gelegenheit günstig war, dann war ich auch mal faul, aber nicht schlimmer als andere. Ich gehörte zum Durchschnitt und das reichte mir. Jeder musste alles machen was anlag, es wurde selten gefragt wer einverstanden ist.

Rohrmontage

Deshalb gab es auch viele unzufriedene Kollegen, aber das Gros zog mit. Begeistert und verständnisvoll für Nöte und Engpässe. Wenn was total schief gegangen war und nur mit viel Arbeit wieder gerade gebogen werden konnte, oder, wenn zum Duschen das warme Wasser fehlte und alle „maulten“, dann hieß es nur „Versteh mal richtig Alter ,- das sind Trassenbedingungen, du bist hier nicht in Bad Elster!“ So wurde auf der Schweißbase Swetlowodsk neben einem amerikanischen Fabrikat zum automatischen Zusammenschweißen von Gasleitungsrohren auch ein russisches Gerät aufgebaut. Die Innenzentriervorrichtung wurde von mir per Hand in das Rohr geschoben (das Ding war schwer!). Mit Hilfe von Spreizvorrichtungen, die über Elektromotoren gesteuert bzw. angetrieben wurden, beim Anpassen der Rohrenden, Elektrokabel an eine Kontaktplatte geschlagen, ging es los, bis ein Beobachter von außen den Vorgang für gut befand. So kompliziert, wie ich es beschrieben habe, war es natürlich nicht. Warum rede ich darüber? Da es keiner machen wollte, habe ich es gemacht.

Umzug


Eine Episode möchte ich loswerden, noch aus der ersten Zeit, als ich im mobilen Wohnlager Glins wohnte. Jeden Morgen fuhren wir mit den Ikarus - Bussen zur Schweißbase Swetlowodsk und nach 1O Stunden Arbeit wieder zurück, dann Abendbrot essen, "Birne voll schütten“, schlafen... Tag für Tag das Gleiche. Deshalb habe ich mit noch zwei Kollegen den Busfahrer gebeten, uns irgendwo an einer Kreuzung vor einen Dorf aussteigen zu lassen. Wir marschierten los und fielen natürlich gleich auf in unseren ledernen Arbeitsanzügen. Im nächsten Laden versorgten wir uns mit Alkohol in Form von Wein. Die Flaschen tranken wir gleich am Rand der Straße, auf einem quer liegenden Baum sitzend, aus. Wir konnten uns über mangelndes Publikum nicht beklagen. Es gesellten sich an dieser nicht befestigten Straße einige Männer zu uns. Wir gaben "einen aus" und unterhielten uns mit Händen und Füßen mit ihnen. Anschließend wanderten wir weiter Richtung Dorfzentrum, am Lenin (an einer kleinen Lenin-Statue) vorbei zum "Kaffee" . Schon leicht "angefeuert" bekamen wir dort reichlich Wodka und bildeten in dieser weiß gekachelten Gastlichkeit den absoluten Mittelpunkt. Stühle wurden zu uns rangestellt und diskutiert und umso mehr wir konsumierten umso besser klappte die Verständigung. Eigentlich hatten wir Hunger, aber außer ein paar fast dunkelblau gekochten Eiern und Weißbrot war nichts greifbar, ....... aber immer wieder Wodka. Bald drängte ich meine Kumpels zum Aufbruch, denn ich merkte schon die Wirkung. (Dann steht die Straße auf und schlägt dir ins Gesicht........ es entstehen die gefürchteten Asphaltflechten.) Wir trotteten mit einer riesengroßen Schar von Begleitern los und an dem Laden wurde noch mal tüchtig nachgetankt. Ein paar Vokabeln aus der Schulzeit kamen zum Vorschein. Ungelogen: Jeder verstand jeden, alles klar, keiner böse, aber bevor es dunkel wurde wollten wir eigentlich wenigstens die Richtung nach Glins haben. Aber wir blieben weiter "kleben". Die Zeit verging wie im Fluge. Auf einmal musste ich feststellen, dass sich meine Kumpels allein abgesetzt hatten. Nur noch ein paar Männer aus dem Dorf saßen bei mir. Dem einen, der mir besonders sympathisch war, machte ich irgendwie klar, dass ich unbedingt nach Hause musste. Aber er bedeutete mir ruhig zu bleiben, er bringt mich nach Hause nach Glins. "Domoi". Er zeigte in die Richtung und sein Lachen war ansteckend. Er macht das schon. Das wieder war mir absolut rätselhaft, aber ich vertraute ihm, was blieb mir auch weiter übrig. Ich konnte sowieso nicht mehr laufen. Es kam mir bitter an und als ich beim Grübeln war, wie ich aus dieser Klemme komme, da brummte ein LKW SIL mit Milchbehälter neben mir und am Steuer winkte mir mein ukrainischer Kumpel zu. Er war vergnügt und nicht wesentlich nüchterner als ich. Ungefähr einen Kopf kleiner wie ich, mit einem unglaublich von Sonne und Wetter gegerbtem Gesicht. Im schwarzen Arbeitsanzug, struppigen Haaren und so was von schwarzen Fingernägeln konnte er nur knapp überm Lenkrad die Straße sehen. Das Getriebe ließ sich nur mit zweimaligem Kuppeln treten und knarrend schalten. Der Scheibenwischer funktionierte nur auf der Fahrerseite, die Blattfedern quietschten. Kaum ein Loch auf der Straße ließen wir aus. Unterwegs sammelten wir meine beiden "treulosen " Kumpels auf, die dann bei einem Platzregen hinten drauf sitzend klatschnass wurden. So sind wir gut gelandet. Nach diesem Abenteuer hatte ich jegliche Scheu vor den Einheimischen verloren. Ich begann Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Mit Erstaunen bemerkte ich, wie im Kopf aus der Schulzeit alte Fragmente der russischen Sprache wieder auftauchten. Es bildete sich ein bescheidener Sprachschatz. Wann immer es ging, setzte ich ihn ein. Es machte mir immer mehr Spaß und klappte. Mit der Verständigung wuchs auch weiter mein Verständnis für die Leute. Ich stellte fest, dass sie genau so dachten und fühlten wie wir.

Grundwasserabsenkung


Bei meinem ersten Urlaub in der Heimat gab es nun schon was zu erzählen. Ich fühlte mich wohl. Hatte eine Freundin in Krementshug. Alles war soweit in Ordnung. Bei der nächsten Tour aber packte mich das Heimweh, denn in der Arbeit kam etwas Routine rein. Ich schrieb viele Briefe an alle möglichen Bekannten und wartete sehnsüchtig auf Post. Außer von meiner deutschen Freundin kamen nur wenige Briefe. Wenn mal eine Woche für mich nichts dabei war, enttäuschte mich dies maßlos. Ich begann mich deshalb intensiver um meine russische Freundin zu kümmern. Die hatte ich beim Baden am Dnjepr gesehen und begonnen sie "vollzuquatschen". Als sich eine Begleiterin zurückzog, erzählte sie mir auch etwas. Nur konnte ich leider nichts verstehen. Wir gingen spazieren, haben uns verabredet, aber irgendetwas ist schief gegangen. Ich verlor sie aus den Augen. Wochen später traf ich sie zufällig in der Stadt. Von da an funktionierte alles besser und wir gingen schon wie alte Bekannte miteinander um. Es dauerte nicht lange bis Liebe ins Spiel kam. Deshalb trennte ich mich auch von meiner deutschen Freundin. Ich begann über uns nachzudenken. Verbrachte meine freie Zeit nur noch mit ihr und wenn ich auf Urlaub war, fehlte sie mir sehr. Sie mitzunehmen war nicht möglich, also musste was passieren. Ich fragte sie einfach, wie sie sich die Zukunft vorstellt und wir beschlossen zusammen zu bleiben, zu heiraten.

werkstattwagen
Um weiter in ihrer Nähe in Krementshug bleiben zu können, wechselte ich die Firma. Dort wurde ich Kranfahrer auf dem Containerbahnhof. In einer prima Brigade fuhr ich den 12,5-Tonnen-Kran. An die "Anlernzeit" erinnere ich mich nicht so gern, denn sie war problematisch. Der dafür zuständige Kollege war irgendwie laufend bockig und blubberte laufend rum. Wir konnten kein kameradschaftliches Vertrauensverhältnis aufbauen. Er war kurz gesagt "wie eine offene Selters". So lernte ich erst richtig mit dem Kran umzugehen, als er in die Heimat ging und ich eigenständig bei fremden Firmen Hilfeleistungen ausführen musste. Als ich mir die nötigen Fertigkeiten beigebracht hatte, machte das Kranfahren erst richtig Spaß. Kein Stress, oft wechselnde Einsatzorte, dadurch ein scheinbar ungebundenes Leben. Dazu ein Fahrzeug mit starkem Motor, der angenehm brummte, wenn man in der Stadt mal "auf den Pinsel drückte". Was konnte es Schöneres geben? Mein Eindruck war, dass die jungen Burschen aus unserem Lager alle zu schneidig, zu schnell fuhren. Als ich mal mit einem W5O-Mulde unterwegs war, wurde ich von einem Milizionär gestoppt. Er wollte nur ein Stück in meiner Richtung mitfahren. Zum Abschied klopfte er auf die Motorabdeckung, sagte“: Motor gut, aber du zu schnell fahren". Obwohl mir viele Geschichten zu Ohren gekommen sind, wo die Miliz hart durchgegriffen hatte, kann ich eigentlich nur Gutes berichten.
Auf meiner Arbeitsstelle dem Containerbahnhof Krementshug wurde die Arbeit von einem erfahrenen Meister geplant, eingeteilt und kontrolliert. Sein Motto "immer Ordnung und Übersicht halten", auch wenn Kisten mehrmals umgestapelt werden mussten. Nur so war der Erfolg bei der Suche nach Teilen der Kompressorstation zu erreichen. Im Ernst: Mit seiner ruhigen, überlegten Art gab es keine überflüssigen Fragen. Bei den Be - und Entladearbeiten machte das eingespielte Team so manche bühnenreife, artistische Nummer. Wir nannten uns deswegen auch manchmal "Zirkus Horn". Der Platz war begrenzt. Auf den Nachbargleisen arbeiteten ukrainische Bahnangestellte mit Portalkränen. Einmal machte ich im Winter vor Kälte auf dem Wagen einen "Stepptanz" und der Kumpel auf dem Gleis neben mir tanzte mit. So temperamentvoll, dass er vom Container runtersegelte. Mit Lachen und Jodeln war er im Nu wieder oben. So dick wie wir eingepackt waren, konnte da nicht viel passieren. Von meinen damaligen Kollegen haben mich nur Günter (unser Brigadier) und Leo sehr beeindruckt. Über jeden meiner Kollegen könnte ich mindestens eine Story erzählen. Aber ich beschränke mich lieber auf meine eigenen "Eseleien", was vielleicht weniger interessant sein dürfte. Nie würde ich verraten, wer mit mir Sonntagsdienst hatte. Als ich in den Küchenwagen gehen wollte saß derjenige schon mit einer Bahnhofsarbeiterin drin. Sie war wegen des kalten Windes auf dem Containerbahnhof sehr dick angezogen. Aber ihre schönen, ausgesprochen großen und strammen Brüste hatte er schon ausgepackt. Später, ich bin gleich rausgegangen, hat er mir was vorgeschwärmt über ihre tollen Beine: "Wie gedrechselt.....". Uns standen ein 3t-Diesel-Gabelstapler, ein 12,5 t-Autokran, ein 6O t-Autokran (Gottwald) und ein Jeep Marke „UAS" zur Verfügung. Jeden Tag kamen Waggons an, die entladen werden mussten. Laufend kamen Fahrzeuge, die den ganzen Kram oder das zwischengelagerte Zeug abholten: Bestehend aus Kisten jeglicher Größe. Rohre, die mit Transportern vom Faun durch unwegsames Gelände bis zum Strang gebracht werden mussten.

Hochzeitsfoto

Es lief gut beim Zirkus Horn. Es war ein schönes Arbeiten. Kaum Einer hatte Grund zum Meckern. Wie alle zusammenhielten, kann ich durch ein Beispiel belegen, bei welchem ich allerdings keine rühmliche Rolle spiele:
Es war im Winter. Ich sollte morgens, noch vor dem Schichtwechsel, Günter aus der Stadt abholen. Ich holte den Jeep aus dem Container und fuhr los. Bei der extremen Kälte lief der Motor unrund. Ich versuchte ihn durch verstärktes Gasgeben zu stabilisieren. Kam aber dadurch zu sehr in Fahrt. Draußen dunkel, die Straßen spiegelglatt - Streuen soll bei den Russen als Straßenverschmutzung verboten gewesen sein... Da habe ich auf gerader Strecke beim Ausweichen von Schlaglöchern, durch die zu hohe Geschwindigkeit und Glätte, die Gewalt über das Fahrzeug verloren. Es ging bergauf und ich fuhr rechts die Böschung rauf, kippte um und blieb auf dem Dach liegen. Windschutzscheibe, Seitenscheiben, Heckscheibe, Plane, Spriegel, einfach alle Aufbauten, waren sofort platt und ich nahm schnell mein "Rübchen" beiseite und kam dadurch überhaupt nicht zu Schaden. Motor aus. Es roch sofort nach Benzin. Ich drückte den Hauptschalter neben meinem Sitz auf „Aus“. Dann trat ich die Fahrertür auf und kroch raus. Ein eigenartiges Gefühl bemächtigte sich meiner. Als hätte ich Watte im Kopf. Ein Gemisch aus Angst, starkem Bedauern und Selbstmitleid. Ich ging einmal um die Schese herum und sah die Räder nach oben stehen. Dann bemerkte ich das ganze "Gelumpe", was aus dem Fahrzeug rausgefallen war und staunte, wieviel Zeug es war. Das Ganze kam mir unwirklich vor. So wie im Kino. Als ob ich gar nicht dazu gehörte. Eine Straßenlaterne beleuchtete die ganze Szene. Fußgetrappel aus Richtung der nahen Bushaltestelle brachte mich langsam in die Wirklichkeit zurück. "Mann, Scheiße. Das mußte ausgerechnet mir passieren .....!" Da waren die Russen schon ran. Wollten den Fahrer retten. Ich machte ihnen klar, dass ich der Unglücksrabe war. Fing dann an auf deutsch-russisch zu lamentieren: "Alles kaputt... ", aber das ließen die Jungens nicht gelten. Schüttelten mir die Hände: „Alles gut, du nicht kaputt. Wot motor, wot karobka, vsjo na mestje!“ („Alles noch an seinem Platz...") Mit drei Mann kippten wir die Karre wieder auf die Räder, wobei ich noch schnell die Handbremse anzog, als wir auf einer Seite waren. Damit sich die Schese bergab nicht noch selbständig machte... Oje, oje, da stand es nun, mein Werk. Die Kumpels halfen mir noch den ganzen Krempel, der in der Gegend rumlag, wieder ins Fahrzeug reinzuwerfen. Ich setzte mich ans Steuer, ließ den Motor an und siehe da, er lief prima. Ohne zu stottern. Zurück zum Bahnhof musste ich mit einer Hand die Plane runterdrücken, die mir sonst durch den Fahrtwind ständig die Sicht nahm. Auf mein intensives Hupkonzert hin kam "Fichtel", mein Kollege von der Nachtschicht, angerannt und öffnete schnell den Garagencontainer Ich fuhr rein und Tür zu. Da kam auch schon der Bus vom Lager mit der Frühschicht. Keiner hat was gesehen: „Guten Morgen.“. „Alles klar...“. Nur Günter fehlte. Bei Tageslicht betrachtet, sah die Sache nicht mehr ganz so schlimm aus. Alles oberhalb war kaputt. Dazu das linke Rücklicht. Na mal sehen, wie wir das wieder hinkriegen. Erst mal den Mund halten und bei Ernste beichten gehen. Günter kam mit und die Beichte verlief ungefähr so: „Ernst, hör mal, der Helmut hat ein bisschen zu früh aus dem Wagen ein Kabrio gemacht... Aber wir kriegen das schon wieder hin.". Ernst schüttelte erst ungläubig den Kopf und meinte dann: „Na ja, wenn der Wagen in zirka einer Woche wieder einsatzbereit ist - dann Schwamm drüber !" Natürlich müssten wir das allein schaffen, meinte Günter. Für mich war alles klar. Erst mal zu meiner Freundin, ihr den Fall erklären und mit ihrer Unterstützung versuchen, die nötigen Ersatzteile zu besorgen. Sie war Zivilbeschäftigte bei der Roten Armee. Genauer gesagt „fertigte“ sie Torten und Kekse für diese Garnison, in deren Siedlung sie auch wohnte. Als Konditorin kannte sie die richtigen Leute. Lagerangestellte, die sich die Scheiben "fürstlich" bezahlen ließen... Um die defekte Plane wieder hinzubekommen, brauchte ich die Hilfe eines jüdischen Sattlers. Der wollte kein Geld, sondern nur eine große Kiste mit Briketts. Die Holzkiste fand ich auf der Kompressorstation. Seile drunter gelegt und dann das Ding voll geschaufelt. Die Kiste habe ich dem Sattler mit einem LKW mit Ladekran mitten in der Stadt vor die Eingangstür gestellt. Als Fazit möchte ich bemerken, dass ich mich auf alle Kollegen verlassen konnte. In anderen Firmen auf der Baustelle sind Jungens für Weniger nach Hause geschickt worden...

trassenkarte
Eigentlich wollte ich nicht hintereinander erzählen, was ich so für Mist gebaut habe. Aber eine Sache schiebe ich gleich nach. Das war das Ding, was mir auch im Winter, im ersten Jahr, dort passierte: Der Meister der Schlosserbrigade gab mir den Auftrag, einen Werkstattwagen von Krementshug nach Alexandrowka zu überführen. Ich fuhr nach dem Frühstück los. Ich traute mich nicht über 7O km/h, denn die Straßen waren spiegelglatt. Verwundert stellte ich fest, daß mich alle Russen überholten. Wenn ich dann ein bisschen mehr Gas gab, fing der Wagen sofort an zu schwimmen und ich ging ganz schnell wieder runter vom Pedal. Auf der Hinfahrt, gleich stadtauswärts, kam eine Baustelle. Eine kleine Brücke wurde erneuert. Den Verkehr leitete man daneben vorbei. Kein Warnschild. Nur auf der Brücke war die Straße mit einer unbeleuchteten Latte oder einem Eisenträger abgesperrt. Bin gut in Alexandrowka gelandet. Wurde auf der dortigen Schweißbase schon erwartet. Die Übergabe des Werkstattwagens samt Inhalt hat prima geklappt. Rückfahrt war bereits mit einem Mannschaftswagen der rückwärtigen Dienste organisiert. Wenn ich mich beeilte, würden sie schon auf mich warten. Das wurde mir jedenfalls so versprochen. Da die Kumpels aber doch warten mussten, wurde ich "verurteilt" den Wagen zu fahren. Ehrlich froh, nicht im Wohnlager Alexandrowka übernachten zu müssen, war ich deshalb einverstanden. Ein Fehler, der mich noch bis heute verfolgt! Ich setzte mich hinters Steuer und merkte gleich, dass der Mannschaftswagen, mit ca. 8 Mann besetzt, viel besser auf der Straße lag. Da konnte ich etwas schneller fahren. Alles verlief gut. Hinter mir "grunzten" alle und die Zeit war knapp. Im Lager Krementshug sollte am Abend im Speisesaal Frank Schöbel auftreten. Deshalb sagte man zu mir : „Hau den Riemen auf die Orgel! Wir wollen zeitig essen!". Ich war ruhig und der Wagen brachte auch bis zum Außenbezirk von Krementshug eine gute Leistung. Bei den Künstlern der ehemaligen DDR war es schon beinahe Pflicht, wenigstens einmal an diesem Jugendobjekt der "Freien deutschen Jugend" der "Druschba-Trasse" durch Auftritte an allen Stützpunkten aufzutreten. Dadurch wurde ich mit einigen Künstlern konfrontiert, die ich als „Westfernsehkonsument" noch gar nicht kannte. Im Dunklen kam auf einmal die Brückenbaustelle auf mich zu. Bei gut 7O km/h war alles zu spät. Ich sah, dass ein Runterfahren auf die Umgehung sehr gefährlich werden könnte. Deshalb entschied ich mich im Bruchteil einer Sekunde, doch mal die Bremse leicht anzutippen. Bei der Glätte drehte sich der Wagen sofort und wir rutschten, trotz Gegenlenken, von der Fahrbahn. Ich sah nur die Absperrstange auf mich zukommen. Weil ich nicht wusste, ob sie aus Holz oder aus Eisen war, reagierte ich so. Einem Schutzengel vertrauend, der es immerhin gut mit mir meinte! Also: „Ab ging die Post". Wir drehten uns um 18O Grad und zerschmetterten mit der Breitseite gut 2O m Holzzaun. Legten anschließend noch einen morschen trockenen Apfelbaum um und kamen zum Glück kurz vor einer Lehmkate zum Stehen. Vorher stießen wir noch mit den hinteren Zwillingsreifen gegen einen Lichtmast. Durch den Aufprall schlugen die Drähte ein paar mal zusammen. Im Funkenregen, wie zu einer Silvesterpartie, kamen wir dann zum Stehen. Komischerweise brannten die Scheinwerfer noch. Ich nichts wie raus. Auch die Kumpels waren gleich munter. Außer der Sprosse zum Einsteigen auf der Beifahrerseite, war nichts verbogen. Nichts weiter kaputt. Ich konnte es kaum fassen. Unser "Ausrutscher" war auch von anderen Benutzern der Straße bemerkt worden. Diese wollten spontan helfen. Der Fahrer eines SIL fragte nach einer Trosse. Legte sie, nachdem sie festgezurrt war, um seine Stoßstange und fing gleich an zu ziehen. Ich konnte ihn gerade noch bremsen, denn es saß ja niemand hinterm Steuer. Außerdem hatte sich der Strunk vom Apfelbaum unter der Stoßstange verhakelt und hätte diese unweigerlich abgerissen. Ein Russe fragte nach einem schweren Hammer, nahm ihn gleich zur Hand und ich konnte noch im letzten Moment die Hände eines Kollegen bei Seite reißen. Da hatte unser russischer Helfer auch schon zu geschlagen und der Wagen war frei! Im Nu wurden wir auf den Fahrweg gezogen, fuhren los und erreichten das deutsche Lager noch rechtzeitig zum Konzert. Es war nicht schlecht, denn die Band spielte alles, was auf Zuruf gewünscht wurde. Der Takt wurde mit dem Klang der Bierflaschen auf den Tischen begleitet.

Kurz danach erfuhr ich beim Heimaturlaub durch Zufall mal von meinem künstlerischen Leiter eines Fotozirkels, der Redakteur bei der Zeitung Tribüne war, die wahre Meinung des Frank Schöbel über seinen Auftritt an der "Trasse". In seinem Bericht für die Zeitung hatte es immer, in Klammern neben dem „euphorischem Text", geheißen, dass sich die Trassenbauer wie die "wilden Tiere" verhalten hätten. Man konnte es den einzelnen Interpreten nicht ansehen, was sie dabei dachten. Aber zum Beispiel bei der Gruppe „Karat", oder bei den „Pudhis" war ich eigentlich der Meinung, dass sie mit dem Publikum immer auf einem Nenner war! Auf jeden Fall stellten sie ein wichtiges Bindeglied zur Heimat dar. Am nächsten Morgen meldete ich meinen "Ausrutscher" beim Dispatcher. Es hieß gleich, da müssen wir hinfahren. Der Dolmetscher sollte mitkommen und auf dessen Anraten kaufte ich in unserem Laden von jeder Sorte eine Schachtel Zigaretten, außerdem Schnaps und Konfekt. So präpariert fuhren wir mit einem Jeep zum Unfallort. Die Leute, die dort wohnten, waren schon Rentner und freuten sich sehr über unser Erscheinen. Der Hausherr zeigte uns, dass der Zaun noch an zwei Stellen eingefahren war und wir wären die Ersten, die sich meldeten. Die Geschenke nahmen sie mit Freude an und unterschrieben anstandslos eine vorbereitete Verzichtserklärung. Wir wurden ins Haus gebeten, welches mit wenigen Möbeln ausgestattet war. Vom Flur aus ging es in die Wohnstube. In der linken oberen Zimmerecke hing eine Ikone aus Holz, vor welcher sich der Eintretende bekreuzigte. Schrank und ein Tisch mit zwei Stühlen. Ein Stuhl stand noch an der Wand, auf dem Boden und an der Wand ein Teppich. Das war schon die ganze Einrichtung. Im nächsten Zimmer sah es ähnlich aus. Nur noch ein Fernseher machte die Sache komplett. Betten mit Diwandecken bedeckt. Ein Radio, eigentlich nur ein Lautsprecher, mit der man das Programm empfing, welches durch zwei Drähte vom Kolchosbüro ins Haus geleitet wurde. Eine zweckmäßige Angelegenheit. Denn so war es auch durchaus möglich, die Kolchosmitglieder zu informieren, zusammenzurufen und außerdem wurde ein Radio eingespart. Bei den meisten meiner Bekannten lief es Tag und Nacht. Ich bot an, für Material für die Reparatur zu besorgen. Bretter, Pfosten und Nägel bekam ich mit Hilfe meines Meisters zusammen. Er gab mir einen Tag frei. Unser deutsches Lager bezog Bretter aus einem kleinen Sägewerk in der Nähe. Sofort setzte man ein altes deutsches Gatter, offenbar ein Beutestück, für mich in Gang und schnitt mir die Bretter zu. Auf einer Kreissäge schnitt ich die Pfosten auf Länge, lud alles auf meinen Werkstattwagen, einschließlich der Nägel und fuhr hin zu den Leuten. Die freuten sich wieder sehr und bewirteten mich mit Tee und Gebäck. Die Sauberkeit im Haus, die Freundlichkeit und der Einfallsreichtum bei der Verständigung beeindruckten mich sehr. Sie zeigten mir Haus und Hof. Das ukrainisch ist noch etwas anders als russisch, aber wenn sich Menschen verstehen wollen, dann verstehen sie sich tatsächlich. Als ich abgeladen hatte, wurde ich gefragt, ob ich noch mehr besorgen könne. Zement, Gips, Steine, Nägel verschiedener Größen usw. Ich lehnte ab. Auch nicht für Geld, denn das wäre ein Lied ohne Ende geworden. Da war ich mir ziemlich sicher. Bin später oft an dieser Stelle vorbei gefahren. Wann immer es ging, hielt ich an. Wurde stets freundlich begrüßt und mit Tee bewirtet. Nach ein paar Monaten fragte ich, warum denn der Zaun nicht repariert wird. Daraufhin zuckte der Hausherr nur mit den Schultern und meinte, dass das Material zu Ende ist. Da war es bei mir vorbei, denn das hätte fast für zwei Zäune gereicht. Er hatte es verbraucht für Haus und Hof. Da konnte und wollte ich nicht mehr helfen. Somit ließ ich mich nicht mehr sehen.
Jetzt komme ich noch mal zu meiner eigentlichen Arbeit.

Meine Zeit bei RIV (Rohr isolieren und versenken) war von vielen Höhen und Tiefen begleitet. In der Regel hielten 6 bis 8 Rohrlegerkräne den fertig zusammengeschweißten Strang mit Spezialtraversen. An einem Kran hing dann ein Apparat der Firma Mitcon, der das Rohr mit Bürsten reinigte und vier Plastbinden umwickelte, die erste Schicht wurde auf vorher aufgebrachten Kleber gewickelt. Das hört sich ganz einfach an, war aber in der Erprobungsphase mächtig kompliziert, weil keinerlei Erfahrungswerte vorhanden waren. Die US Firma Mitcon soll durch ehemalige Ingenieure der Firma Crown gegründet worden sein. Drei Mann von ihnen waren vor Ort. Auf Einzelheiten der Technologie und was wir daraus machten, möchte ich nicht unbedingt eingehen. Nur so viel sei gesagt, dass diese Leute auch für mich sehr interessant waren. Schließlich eröffneten sie mir damals eine neue Welt. Der Umgang mit den Amis war ohne Probleme. Die Probleme lagen woanders. Sie wurden durch die Abteilung Sicherheit immer wieder neu bestimmt. Nur ein kleiner Kreis von Kollegen durfte über „Kontaktpersonen" arbeitsspezifische Dinge mit den Monteuren von der Firma Mitcon klären. Diese Monteure hatten einen Jeep zur Verfügung, Essenwagen mit Köchin und konnten sich der äußersten Aufmerksamkeit der Sicherheitsabteilung sicher sein. Der Boss war Dr. Betson, er hatte alle Vollmachten seiner Firma. Er konnte selbständig Verträge ändern, ohne Rücksprache in Amerika. Natürlich richtig, aber für uns war das etwas total Neues. Wenn auf der Baustelle etwas zu entscheiden war, dann dauerte es lange bis aus Tscherkassi von der obersten Bauleitung ein Ergebnis eintraf. Bauleiter, die selbständig und flexibel handelten, waren wenige vorhanden, soweit ich das mit meinem „begrenzten Horizont" einschätzen kann. Eine Ausnahme gab es und das war "Bodo". Aber auf den komme ich später noch zu sprechen. Auch vom Äußeren machten die Ami`s was her mit ihren Jeansanzügen, rohledernen Cowboy-Stiefeln, Fellwesten, Sofortbildkameras in der Tasche und eine besondere Art sich zu benehmen, die wir zu nächst für „hochnäsig" gehalten haben. Die Jungens von der Sicherheit waren immer bereit dem Klassenfeind auf die Finger zu sehen. Bei dem einfachen Aufbau dieser Maschine aus Texas wird es mir ewig ein Rätsel bleiben, weshalb wir das Ding in der DDR nicht allein gebaut haben? Zumal jedes Jahr Hunderte von Ingenieuren die Hochschulen verlassen haben. Die Leistungsfahrt brachte den Amerikanern nach ein paar Anläufen und teilweisem Umbau, die geforderten Parameter und sie ließen es sich nicht nehmen, ein paar Kästen Bier für uns auszugeben. Unsere Jungens freuten sich riesig, die Stasi schäumte und die Amis guckten wie immer „drollig" drein. Die Einzigste, die einen Schaden hatte, war die „Küchenmieze". Deren Dolmetscher (ein Österreicher) hatte sie bei passender Gelegenheit „vernascht". Am nächsten Tag bekam sie schon die „rote Karte“. Als meine Zusammenarbeit zu Ende ging, hatten wir uns erst richtig an einander gewöhnt. Auch für ein richtiges Gespräch fanden wir mal Zeit. Daraus konnte ich entnehmen, dass finanziell bei den Amerikanern keine Wünsche offen blieben. RIV entwickelte sich schnell zum Nadelöhr der Trasse. Es lief nicht, laufend Pannen, maschinentechnische Ausfälle, Stasi (Sicherheit) immer dabei. RIV wurde unter „Parteikontrolle" gestellt. Was auch immer damit gemeint war - Bodo kümmerte sich um alles. Bodo wurde Bauleiter in meinem Abschnitt und später mein Trauzeuge. Wenn ich ihn erwähne, dann nur, weil er bei mir eine gewisse Vorbildwirkung hatte. Bodo war Genosse der SED, Kumpel und ein „alter Fuchs" im Bau, was er des Öfteren bewies. Er schwebte ständig zwischen „Karl Marx - Orden" und „Parteiausschlussverfahren". Er war schon in mehreren Ländern auf Montage gewesen und dabei nie untergegangen. Seine Energie in allen Lebenslagen beeindruckte mich. Er war für mich „in Ordnung", er vergaß es nie uns zu sagen, wenn es mal geklappt hatte. In seiner nur ihm eigenen Art zu sagen : „Warum klappt das ? Weil wir etwas können!".

Trassendeutsch2


Ich beschränke mich mit meinen Zeilen auf meine eigenen Eindrücke und Erlebnisse. Kenner der Angelegenheit finden meine Niederschrift vielleicht zu harmlos, zu zaghaft, saft- und kraftlos. Aber was soll ich machen? Einiges habe ich schon vergessen, Anderes verdrängt und Vieles müsste ich erst langatmig, mühselig beschreiben und von meinem wahrlich nicht immer sehr kompetenten Standpunkt aus erklären. Zusammenhänge begreifen kann ohnehin nur, wer sich die Mühe macht und sich näher mit der damaligen Zeit in der DDR befasst. Egal auf welcher Baustelle, zur Essenszeit war Thema "1" immer bevorzugt und die letzten Neuigkeiten von anderen Standorten. Wenn wieder mal jemand von Russen verprügelt worden war, oder „Tanki" (Betankungsfahrer für Fahrzeuge draußen am Strang) sich furchtbar die Finger verbrannt hatte, als er sich blitzschnell aus der im ersten Stock gelegenen Wohnung seiner Geliebten mit einer Wäscheleine abseilen musste. Denn ihr Mann war unerwartet früher von der Nachtschicht nach Hause gekommen.

Wolodja_Apri

Genauso fragten die Kollegen, wer wohl der Idiot gewesen war, der den Diesel statt in den Kraftstofftank in den Hydrauliktank eingefüllt hat. Keiner war es. Die einzelnen Baustellen, Rückwärtige Verbindungen und die Technik mussten bewacht werden. Viele Kollegen hatten einen Hund, der hieß dann z. B. "Primer", wie der amerikanische Klebstoff. So gut wie nichts konnte diese Hunde stören. Sie dösten den ganzen Tag, aber sobald ein paar Worte russisch zu hören waren, dann ging die Kläfferei los. Einige wurden so wild, dass sie die „Freunde" angehen wollten. Ein beliebtes Unterhaltungsthema waren die Storys über den "Bläserring aus Kirowograd". Das waren ein paar ukrainische Mädels, Studentinnen, die hin und wieder mal sich im deutschen Wohnlager sehen ließen, einige Tage blieben und von der jeweils nächsten Schicht "übernommen" wurden. So schwatzte sich jeder seine "sexuellen Verspannungen" von der Seele. Was Wahrheit und was Dichtung war, das konnte immer nur derjenige einschätzen, der mit dabei war. Deutsche Mädels waren rar und stets in festen Händen. Die wenigen Mädels, die etwas "lockerer" waren, reichten nicht für alle Kumpels aus. Die wären schnell „heißgelaufen". Deshalb lag der Ausweg folgerichtig nur bei einheimischen Damen. Die waren aber in der Regel nicht so schnell zu erobern. Es wurde viel Unheil angerichtet. So wollte sich eine einheimische Zahnärztin wegen unseren Kumpel „Pulla" umbringen. Ein anderer deutscher Kollege ließ uns wissen, wenn seiner Verlobten die ukrainischen Behörden die Hochzeit nicht gestatten, dann bringt er sich um. Unter großen Schwierigkeiten klappte es dann, die Frau und ihre Kinder aus früheren Ehen, mit in die DDR zu bekommen. Ein paar Jahre später traf ich Horst zufällig in der Mitropa Bahnhof Schöneweide und er erzählte mir kurz und knapp den Rest der Geschichte: Zu Hause nur noch Theater, Scheidung, Möbel verschwinden, Zank und Streit... Das Ende einer „großen Liebe". So ein Reptil! Meiner ruhigen Art entsprechend, suchte ich mir stets die zu mir passenden Kollegen aus, mit denen ich guten Kontakt hielt und auf die man sich gegenseitig verlassen konnte. Es waren auch absolute „Hektiker" dabei, auf die ich vielleicht eine „wohltuende" Ruhe übertrug. Damals war mein Wahlspruch: „Wer mit mir nicht auskommt, ist ein Idiot".

Weil ich eine Freundin in Krementshug hatte, war ich bestrebt die russische Sprache zu lernen. Es ergab sich, dass ich mit Wassja, dem Qualitätskontrolleur von der Firma Intergasstroi, im selben Wohnwagen hausen musste. Er war bemüht Deutsch zu lernen, ich hingegen Russisch. Also ein ideales Verhältnis. Er brachte mir viele Begriffe bei, die in der täglichen Umgangssprache nötig waren. Ich verstand schnell, dass die Sorgen, Gefühle, persönlichen Probleme international sind. Es spielt keine Rolle wie man es ausdrückt, ausspricht, sondern, wie man in der gegebenen Situation handelt. Das Russisch in meiner Schule bis zur 10. Klasse unterschied sich grundlegend von der Umgangssprache. Wassja war Ingenieur und vermied es, mir die primitiven Schimpfwörter zu erklären. Was mich manchmal irritierte, denn auf der Straße im Gespräch mit z.B. einem einheimischen Kraftfahrer, war jedes dritte, vierte Wort ein Kraftausdruck „mittleren Kaliebers". Ich hatte bald einen kleinen Wortschatz, mit dem ich mich in allen Lebenslagen verständlich machen konnte. Gespräche mit Wassja führte ich grundsätzlich in Russisch. Er korrigierte mich sofort und oft. So lernte ich immer schneller Redewendungen anzuwenden. Da er nicht so hartnäckig war, machte er weniger Fortschritte, bis er wohl das Interesse ganz verlor. Mein Meister nutzte meine guten Beziehungen aus. Er bat mich mal mit Wassja „einen zu saufen", morgen verschlafen, damit wir den Bus verpassen und ein kompliziertes Stück Rohr durch den Sumpf verlegen konnten, ohne den "Kontrolleur". Der Kontakt zu meiner Freundin Valentina wurde immer intensiver und inniger. Ich scheute nicht mehr die ca. 100 km vom Wohnwagenlager bis zu ihr nach Krementshug per Anhalter an der Wochenenden zurückzulegen. Besser als Geld war damals für mich, die Jackentasche voller Kaugummis zu haben. Ein LKW war schnell angehalten und wenn die Richtung stimmte, rückte ich mit einer Hand voll Kaugummis raus. Dadurch klappte es sogar oft, dass ich bis vor die Haustür gefahren wurde. Fast jeder Kraftfahrer hatte Kinder und die „Schiwatschki" damals absolute Mangelwahre. Als ich wieder in Krementshug wohnen konnte, habe ich nur sehr selten mein Bett im Lager benutzt. Nach der Arbeit schnell unter die Dusche, dann rauf aufs Klapprad, das ich mir extra mal mitgebracht hatte und zu meiner Valentina geradelt. Die wohnte etwa 6 km entfernt. Direkt neben dem Militärobjekt, in welchem sie als Konditorin bereits 8 Jahre arbeitete. Eine kleine Wohnung mit schrägen Wänden, unterm Dach eines Einfamilienhauses, war für uns wunderschön. Auch die nächsten zwei Straßen mit kleinen Häusern bildeten einen grünen Fleck zwischen fünfgeschossigen Neubauten. Alte Bäume, hohe Sträucher, riesige Pfützen auf den unbefestigten Straßen, Gemeinschaftsplumpsklo, zentral gelegen und aus Holz gezimmert. Da musste man seinen Hintern schnell bei Seite nehmen, denn wenn es voll war und was reinplumpste , dann spritzte es von unten zurück. Ein alter Kater mit Namen Wassily kam uns öfter besuchen um sich ein rohes Ei, auf eine Untertasse geschlagen, zu holen. Das brauchte er, denn er hatte außer seiner Eckzähne keine weiteren Zähne mehr. Die Nachbarn ringsum kannten mich bald und grüßten zurück, aber unten im Haus wohnte noch eine alte Dame. Die wollte mit mir nichts zu tun haben. Sie war bis 1945 Sanitäterin an der Front gewesen. Für sie war ich ein Njemez, ein Faschist und es nutzte nichts ihr zu erklären, dass ich erst zwei Jahre nach Kriegsende geboren wurde. Faschist bleibt eben Faschist. Ich ließ sie also „links liegen" und war bemüht jedem Streit aus dem Wege zu gehen. Einmal war Valentina kurzfristig von der Arbeitsstelle mit anderen zu einer Kolchose zur Erntehilfe eingesetzt worden. Ich stand vor verschlossener Tür. Schlüssel hatte ich noch nicht und dummerweise noch eine große Büchse Kekse dabei. Sie vor der Tür auf die Treppe legen wollte ich nicht, denn wer weiß, wo sie dann hingekommen wäre. Die alte Dame von unten würde sowieso die Gelegenheit haben „nachzuschnökern", also klingelte ich bei ihr und schenkte ihr die Kekse. Sie griff zu, macht die Tür zu und ich hörte, wie sie die Büchse aufmachte. Dann ging die Tür wieder auf und sie nickte mir lächelnd zu. Eigentlich nicht erwähnenswert, aber Valentina sagte mir, dass die Dame aufhörte in der Garnison gegen sie zu hetzen. Auch wenn sie den Mund kaum aufbekam, wurde sie doch freundlicher. Irgendwie hatte ich auch Verständnis für ihr Verhalten, denn die Faschisten hatten ihren Mann, die Kinder und viele Verwandte umgebracht. Der Krieg hatte sie hart werden lassen.
Links von uns lebte auch eine alte Pensionärin, aber die konnte mich prima leiden. Sie nannte mich „Fedja". Nach ihrem verschollenen Sohn, dem ich ja so ähnlich sähe. (Ich hatte einen Vollbart und das war damals sehr selten bei den Russen zu sehen. Ist ja auch egal, oder?) Oft kam ich zur gleichen Zeit von Arbeit. Dann stand sie am Holzzaun und winkte mich ran. Ich soll mal rüber kommen, sie habe wieder mal „Einen da". Den sollte ich probieren. Ein paar mal bin ich hin und habe von ihrem selbstgemachten Schnaps „Samogon" genascht. Der hatte um die 70 Umdrehungen. Schmeckte so grausam wie "Knüppel auf den Kopf" und ging dabei so schnell in die Birne, dass ich die wenigen Stufen zu Valentinas Wohnung nur mit viel Mühe und Konzentration schaffte. Ein Schluck aus einer Flasche Verdünnung muss ähnlich schmecken... Später komme ich noch mal auf diese wirklich nette Nachbarin zurück, wenn ich die "Holzaktion" beschreibe.
Auf der rechten Seite kam der Nachbar oft „voll" nach Hause. Dann war Hektik angesagt: Lärm wegen dem kalten Essen, Geschrei, Schläge, Gezeter, dann Ruhe. Kurz und heftig geliebt und schon war bei ihm die Welt wieder in Ordnung. Das klingt vielleicht komisch, war es aber nicht. Schon gar nicht für seine Frau. Ich grübelte, warum das so sein müsse. Bis ich zu dem Schluss kam, dass die paar Rubel, die er verdiente, weder vorne noch hinten reichten. Das meiste jagte er durch die Gurgel und vergaß das „beschissene Leben". Ohne dieses Doping ging bei Vielen aus der Nachbarschaft nichts mehr. Der Suff war überall anzutreffen. Am Gesichtsausdruck war oft schon zu erkennen, wer Sammi getrunken hatte. Er war am billigsten. Der 1/2 Liter 1Rubel und 50Kopeken. Es gab auch Spezialisten, die haben ihn mit Honig usw. behandelt, bis der „fiese" Geschmack weg war. Die Wirkung war aber stets die gleiche. Auch wenn man nicht immer das Gefühl hatte, ein scharfes Messer zu verschlucken. Durch meine russische Freundin hatte ich bald einen Haufen Bekannte in der Stadt. Ich wurde mit eingeladen und feierte die Feste wie sie fallen. Sah unterschiedliche Wohnungseinrichtungen, originelle praktische Varianten. Spürte den Stolz auf die indischen Kacheln im Bad und dem selber gefertigten Mosaik auf der Toilette. Kristallleuchter, japanischer Stereoradiorekorder und immer Sekt und Kaviar auf dem Tisch. Dann erfuhr ich, dass die Tochter dies und der Sohn jenes Institut erfolgreich besuchte usw. ..... Mein Bild von den Russen und Ukrainern wandelte sich langsam. Wenn dann meine Arbeitskollegen mal wieder über die Russen spotteten, versuchte ich ihnen zu erklären, wie schwer es manch einer hat. Wer weiß, wie der eine oder andere Deutsche unter diesen Lebensbedingungen klar kommen würde. Wenn auch jedes dritte Wort bei den Männern ein Schimpfwort war, so konnte ich mich sehr oft davon überzeugen, wie praktisch sie veranlagt sind. Sie wissen sich immer zu helfen. Neben der Fernstraße habe ich oft bei einem Kraftfahrer gesehen, wie dieser reparierte. Auf einem großen Stück Stoff lagen irgendwelche Teile, an denen er emsig werkelte und das Fahrzeug wieder flott bekam. Zumindest die nächsten 80 km bis zur nächsten Stadt. Es hatte für ihn auch keinen Sinn, auf Hilfe vom Betrieb zu warten. Heute, nach fast 20 Jahren, wo alles „Defizit" ist, da hat sich nicht sehr viel geändert. Echt gestaunt habe ich über die Maurerbrigaden und den Straßenbau. Fast alles Frauen. Ein Mann höchstens als "Natschalnik" mit einem Zollstock in der Hand nachprüfend, oder als Fahrer der großen Walze. Da frage ich mich, was wäre die große Sowjetunion ohne ihre fleißigen Frauen, die wirklich hart arbeiten müssen? Wenn abends die Trassenbauer zum Tanz in den Gaststätten der Stadt erschienen, dann waren sie ohne Zweifel gegenüber den Einheimischen im Vorteil. Die Taschen voller Geld. So viel hatte manch Familienvater nicht zur Verfügung. Das zog nicht nur die „schlechten" Mädchen an. Dazu kamen gute Manieren - bei den Meisten jedenfalls. Dame vom Platz abholen, Tänzchen machen, dann die Dame zurückbringen, am Platz Stuhl unterschieben: „Spasibo ...“(!) , ganz artig. Das machte Eindruck. Das kam gut an und brachte Punkte und wurde in hartnäckigen Fällen in selbiger Nacht „belohnt". Auch sprach sich so etwas bei den Damen herum: „Deutscher Mann, guter Mann ...!“ (schmales Kreuz, aber so einen Riemen ...!) Dadurch war Ärger vorprogrammiert. Es gab nicht nur Schubsereien und Handgemenge - auf die ich aber nicht weiter eingehen möchte. Es war nicht zu empfehlen, sich mit Bart und ohne Kopfbedeckung (im Winter als Deutscher sofort identifiziert) wegen Feuer für eine Zigarette anquatschen zu lassen. Im Dunklen bei einer Gruppe Russen schon gar nicht. Das roch schon nach Krankenhaus. Mir ist aber nie etwas Ernstes passiert, denn ich habe bedrohliche Dinge nicht als Herausforderung gesehen, sondern wartete stets ab, bis einer Konfrontation nicht mehr auszuweichen war. Schlimm sah es aus, wenn die Miliz bei einer Prügelei dazwischenging. Da blieb meist kein Auge trocken.


In den 80`ziger Jahren, als Breschnjew in Moskau den Ton angab und der Wodka noch nicht limitiert wurde, da war was los in Krementshug - am Zahltag der Arbeiter vom KRAS - Werk. Es war dann besser, noch vorsichtiger als sonst zu fahren, um keinen Angetrunkenen zu überfahren. Aus meinen Ausführungen ersieht man, dass ich mich schon an Vieles gewöhnt hatte. Alle 3 Monate hatten wir 4 bis 5 Wochen Urlaub in der Heimat. Die Zeit wurde durch die täglichen 10 Stunden und dem Sonnabend vorgearbeitet. In Berlin-Schönefeld gelandet fühlte ich mich in der vertrauten Umgebung "Super". Das Wiedersehen mit Eltern und meinen Kindern tat gut und dann die Kumpels besuchen. Es war schon etwas Besonderes, an dem ich mitarbeiten durfte.

2_but

Andere Trassenbauer hatten "wilde Geschichten" erzählt und es fiel auch mir nicht schwer, ein paar spannende Episoden "rauszulassen". Ich genoss es, Klub-Cola zu trinken und frische Brötchen zu essen. Das gab es auf der Baustelle nicht. Muss aber zugeben, dass die Essenversorgung ansonsten Klasse war. Die leitenden Köche lieferten hohe Qualität. Einfallsreichtum mit dem Vorhandenem und Lieferbaren zeichnete sie aus. Ich hörte, dass sich Leute darunter befanden, die in den sogenannten Interhotels gearbeitet hatten. Aber zu Hause bei „Muttern" - das war halt was Anderes. In der Heimat hatte ich bald wieder Fernweh und Sehnsucht nach meine Walja. Ich hatte den Eindruck, dass es ihr ähnlich ging. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich sie fragte, ob sie mich heiraten würde. Wenn wir in Zukunft zusammen bleiben wollten, dann war es nötig. Es gab keine andere Möglichkeit sie mitzunehmen in die DDR. Gründe dort zu bleiben gab es für mich nur wenige und ich habe das an anderer Stelle umfassend behandelt. Sie wollte mich heiraten, so war ihre eindeutige Antwort und wir bekamen immer mehr Schwierigkeiten bei der Beschaffung der dazu nötigen Papiere. Die Trauung konnte nur in der Sowjetunion, in Krementshug stattfinden. Wir waren am Standort das fünfte Paar. Gefeiert wurde in der kleinen Bootshalle. Das ist eine Baracke, die wie eine Ziehharmonika zum Transport zusammen geschoben werden konnte. Für Polterabende und Hochzeitsfeiern ganz ideal. So um die 2500,-Mark legte ich für Schnaps, Likör, Essen und kaltes Büfett auf den Tisch. Ich glaube, es konnte keiner meckern. Ein paar Vorgesetzte, aber nicht von meiner Abteilung, mussten sich auch noch ein paar Flaschen Wodka in die Tasche stecken. Na ja, was soll’s... Dafür verdienten sie ja auch nur einige Hundert Mark mehr im Monat als ich. Mir war es egal. Hatte Jedem der kam, zugeprostet und versucht, dabei so wenig wie möglich zu trinken. Den Schlüssel von der Halle gab ich "Einfallspinsel" einem meiner Kollegen. Es war viel Essen und Trinken übriggeblieben. Das sollte am nächsten Tag mit dem Leiter der Versorgung zurückgerechnet werden. Als ich dann am nächsten Vormittag an der Halle erschien, waren meine Kollegen „blau wie die Veilchen". Ich setzte mich dazu und „ab ging die Post". Wir waren unter uns. Wahnsinnig komisch fanden wir, wie die Nadel vom Plattenspieler umhersprang und wenn wir auf dem Dielenboden beim Tanz "rumhotteten". Alles war prima gelaufen. Die Kollegen von der Versorgung hatten sehr gute Arbeit geliefert. Mir tat kein Pfennig leid.

3_but

*

4_but

Mit der Perestroika kam die Wende. Mit der Wende ging das sozialistische Lager flöten. Mit dem Untergang der DDR ging die UdSSR unter. Ein vom Wodka vernebelter Präsident hat sich mit seiner Clique die Taschen prall gefüllt und dabei Russland zu einem bedeutungslosen Staat gemacht. Fährt man heute mit dem Auto nach Russland, dann kann man sich von einem großen Teil seines Reisegeldes verabschieden. Weil es nur noch zum Schmieren für die Milizionäre und Grenzbeamten dienen wird...

*

ueberswasser

*

vorbereitet


Autor: hladam -- 23.2.2008 13:33:17

Dieser Artikel wurde bereits 13617 mal angesehen.



Optionen zu diesem Artikel:


140213 Besucher

Nach oben.
.

xx_zaehler